Der Ort, den es auf keiner DDR-Karte gab
Im Mai 1945 beschlagnahmte die sowjetische Besatzungsmacht das Gelände und richtete dort das Speziallager Nr. 3 ein. Nach dessen Auflösung entstand 1947 im Keller der ehemaligen Großküche das zentrale sowjetische Untersuchungsgefängnis. 1951 übernahm das Ministerium für Staatssicherheit die Anlage. Bis zum Ende der SED-Diktatur waren dort insgesamt rund 40.000 Menschen inhaftiert. Die Stasi setzte zunehmend auf psychische Zermürbung: Isolation, fehlende Orientierung, nächtliche Verhöre und die ständige Ungewissheit über das weitere Schicksal. Kontakte zu anderen Gefangenen wurden systematisch verhindert. Anwälte hatten während der Ermittlungen kaum Möglichkeiten, wirksam einzugreifen. Nicht der schnelle Schlag, sondern das planmäßige Brechen des Menschen bestimmte das System.
Der Begleiter war kein gewöhnlicher Museumsführer, sondern ein Zeitzeuge. Ende der 1970er-Jahre hatte er selbst in Hohenschönhausen eingesessen. Während meines Besuchs führte er durch das sogenannte U-Boot, den fensterlosen Kellertrakt aus der sowjetischen Besatzungszeit. Bis 1960 wurden dort Gefangene festgehalten. Die feuchten Zellen waren anfangs kaum belüftet, eine Glühbirne brannte Tag und Nacht. Holzpritsche und Kübel bildeten nahezu die gesamte Einrichtung. Der Zeitzeuge erklärte, wie konsequent die Haftanstalt jeden Kontakt zwischen den Gefangenen unterband. Selbst der Hofgang fand einzeln in schmalen, oben vergitterten Betonverschlägen statt. Die Häftlinge nannten sie Tigerkäfige. Er sprach ohne Pathos. Gerade diese nüchterne Genauigkeit machte seine Schilderungen eindringlicher als jede Dramatisierung. Auch unangenehmen Fragen wich er nicht aus.
Besonders blieb mir der Gefangenentransport in Erinnerung. Die Stasi brachte ihre Häftlinge in unauffälligen Lieferwagen nach Hohenschönhausen. Von außen wirkten sie wie gewöhnliche Versorgungsfahrzeuge, im Inneren befanden sich jedoch enge, fensterlose Einzelkabinen. Um den Weg und das Ziel zu verschleiern, fuhren die Fahrer mitunter Umwege durch die Stadt. Viele Gefangene wussten bei ihrer Ankunft nicht, wo sie sich befanden. Auch innerhalb des Gebäudes durften sie einander nicht begegnen. Signale an den Gangdecken zeigten den Wachleuten an, wann ein Flur freizuhalten war. Im 1960 eröffneten Neubau wirkten die Vernehmungszimmer beinahe gewöhnlich: Teppichboden, Schreibtisch und Lampe statt sichtbarer Folterinstrumente. Genau darin lag das Kalkül. In scheinbar harmlosen Räumen wurden Menschen über Wochen oder Monate verhört und psychisch unter Druck gesetzt, bis sie Geständnisse ablegten.
Nach der Friedlichen Revolution wurde die Haftanstalt geschlossen. Seit 1994 ist das Gelände für Besucher zugänglich; im Jahr 2000 entstand die Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Die früheren Zellen und Vernehmungsräume lassen sich nur im Rahmen einer Führung besichtigen. Diese Rundgänge übernehmen ehemalige politische Häftlinge sowie Historiker. Gerade die persönlichen Erinnerungen unterscheiden den Besuch von einer gewöhnlichen Museumstour. Zwei Stunden reichen nicht, um das Gehörte vollständig zu verarbeiten. Sie genügen aber, um zu begreifen, mit welcher Präzision ein Staat seine Bürger isolierte, einschüchterte und brach, während die Außenwelt kaum etwas davon bemerkte. Ich verließ das Gelände mit einem Gedanken, der mich seitdem begleitet: Unrecht muss nicht laut und chaotisch auftreten. Es kann leise, bürokratisch und erschreckend geordnet funktionieren, solange niemand von außen hinsieht.
Olaf