Bahnwärter Thiel: Münchens Kulturort auf alten Gleisen
München (D) [SiSt24Media] Schon am Zugang gibt es viel zu sehen. Bemalte Container stehen übereinander, eine Treppe führt zwischen ihnen hindurch, darüber spannt sich eine Konstruktion aus Fahrradrädern. Wer hier ein einheitlich gestaltetes Kulturzentrum erwartet, muss seinen Blick erst einmal sortieren. Bilder, Schriftzüge, Pflanzen und Baukörper drängen sich nebeneinander, ohne sich zu einer glatten Fassade zu fügen. Der Bahnwärter Thiel liegt auf dem ehemaligen Viehhofgelände an der Tumblingerstraße. Was2015 als Kulturprojekt begann, ist inzwischen ein Ort mit Veranstaltungsräumen, Ateliers, Gastronomie und Wegen, durch die man auch ohne Eintrittskarte für einen Clubabend streifen kann. Am Eingang ist davon nicht alles zu erkennen. Hinter den ersten Containern setzt sich das Gelände fort.
Der Schlacht- und Viehhof gehörte sehr lange zum Arbeitsalltag dieses Münchner Viertels. Seit 2007 wird das Gelände nicht mehr länger als Umschlagplatz für Lebendvieh genutzt. Der Bahnwärter Thiel entstand 2015 bei der ehemaligen Großviehhalle und zog 2018 innerhalb des Areals auf den früheren Gleisanschluss des Schlachthofs. Die Vergangenheit ist für Besucher nicht als Ausstellung aufbereitet. Sie steckt genau genommen im Ort selbst: in seiner Lage neben den Gleisen, in den offenen Flächen und in der Entscheidung, gebrauchte Wagen und Container für neue Zwecke zu verwenden. München plant für das Viehhofgelände ein neues Quartier. Der Bahnwärter Thiel entwickelte sich und gehört zu den außergewöhnlichen kulturellen Nutzungen, die dort bereits gewachsen sind.
Ein Münchner U-Bahn-Wagen steht hier still und fällt gerade deshalb auf. Auf seiner Seite erstrecken sich große gemalte Buchstaben über Türen und Fenster. Wo sonst Fahrgäste einsteigen, ist der Wagen Teil eines Geländes aus Wegen, Mauern und umgebauten Containern. Die vertraute Form aus dem Nahverkehr bekommt einen völlig anderen Rahmen. Solche Wagen sind beim Bahnwärter Thiel keine beiläufige Dekoration. Sie gehören zur Nutzung des Areals: Laut Betreiber gibt es in einer U-Bahn ein Bistro, eine Trambahn dient als Treffpunkt für Jugendliche und bietet Raum für Workshops. Beim Rundgang interessiert zunächst der Anblick. Erst danach stellt sich die Frage, was hinter den bemalten Türen geschieht und wie viele verschiedene Tätigkeiten auf dem Gelände Platz gefunden haben.
An manchen Wänden reicht ein einzelner Blick nicht aus. Vereinzelte Figuren stehen neben Schriftzügen, darüber liegen neue Farbflächen und ältere Spuren. Auf dem Foto füllen die Bilder eine ganze Containerfront. Sie wirken weder wie ein ordentlich gehängtes Ausstellungstableau noch wie eine Wand, die fertig sein soll. Gerade darin liegt ihr Reiz. Der Bahnwärter Thiel stellt Flächen für Graffiti bereit. Die Bilder gehören damit zum laufenden Leben des Ortes und verändern sein Aussehen. Die Fotos dieses Rundgangs entstanden 2024; wer heute dieselbe Wand sucht, trifft möglicherweise auf ein anderes Motiv. Das macht die Aufnahmen zu einer Momentaufnahme. Sie dokumentieren nicht nur Kunstwerke, sondern auch, wie das Gelände zu diesem Zeitpunkt aussah.
Von außen sieht man Farbe, Stahl und Holz. Hinter manchen Containertüren liegen Ateliers und Werkstätten. Künstler, Handwerker und Musiker nutzen die umgebauten Räume; andernorts stehen Essen, Begegnungen oder Veranstaltungen im Mittelpunkt. Der Bahnwärter Thiel funktioniert deshalb auch tagsüber, wenn noch keine Clubnacht begonnen hat. Beim Spaziergang wechseln die Eindrücke schnell. Ein enger Weg öffnet sich zu einem Platz, über einem Container erscheint eine weitere Ebene, dann steht wieder ein bemalter Wagen im Blickfeld. Nichts daran erinnert an einen Museumsrundgang mit vorgegebener Reihenfolge. Man geht weiter, biegt ab und entdeckt oft erst im Rückblick, wie die einzelnen Teile zusammenhängen.
Nicht alles spielt sich auf Bodenhöhe ab. Treppen und Stege führen an Containern vorbei nach oben; zwischen den Bauten hängen Leuchten und Gegenstände. Auf WZ143 wird sichtbar, wie dicht die Ebenen beieinanderliegen. Ein Schirm steht im Vordergrund, dahinter wächst eine Konstruktion aus Wagen, Holz und Stahl in die Höhe. Diese Architektur sieht an vielen Stellen nach Arbeit aus, die über Jahre hinzugekommen ist. Das Gelände besitzt keine einheitliche Schauseite. Seine Wege und Zwischenräume sind Teil des Erlebnisses, ebenso wie die bemalten Außenwände. Wer nur vor dem Eingang stehen bleibt, sieht eine bunte Kulisse. Beim Gang hindurch merkt man, dass die Bauten Räume schaffen: zum Arbeiten, Zusammensitzen und für das Kulturprogramm.
Am Abend verändert sich der Blick auf das Gelände. Auf einem der Fotos spielt ein Musiker unter Sonnenschirmen, davor tanzen Menschen. Die bemalte Wand bleibt im Hintergrund, doch nun ist sie Teil einer kleinen Bühne. Solche Momente zeigen, wofür die offenen Flächen neben Ateliers und Werkstätten gebraucht werden. Zum Programm des Bahnwärter Thiel gehören unter anderem Konzerte, Clubnächte, Lesungen, Theater und Flohmärkte. Nicht alles findet gleichzeitig statt; auch deshalb lohnt vor einem Besuch der Blick ins aktuelle Programm. Die Fotos zeigen einen Abend aus dem Jahr 2024, keinen festen Ablauf für jeden Tag. Sie halten fest, wie aus einem Weg zwischen Containern für einige Stunden ein Ort zum Zuhören und Tanzen wurde.
Olaf